Auf Almasys Spuren
Western Desert, Ägypten / 30.3.2004
 
Schon immer war die Sahara das Ziel von Abenteurern und Forschern gewesen, die den Geheimnissen und der Faszination der Wüste erlegen waren. so. Viele wollten nur der Wissenschaft dienen, wühlten im Wüstensand nach geologischen, paläontologischen und prähistorischen Fundstücken, zeichneten mit Akribie das Leben der dort ansässigen Menschen auf oder befassten sich mit Flora und Fauna oder den klimatischen Bedingungen. Allen war jedoch eines gemeinsam: Sie konnten Strapazen über lange Zeiträume hinzunehmen, und sie waren allesamt Abenteurer, welche die Neugierde nach Unbekanntem, Unentdecktem vorwärts trieb.
 
Als Muslim getarnt bereiste als einer der ersten Wissenschaftler der deutsche Geograf Friedrich Hornemann im Jahr 1798 diese Gebiete. Von Kairo aus folgte er den Karawanenwegen über die Oase Siwa nach Murzuq im Fezzan, von wo aus er sich nach Tripolis begab. Nach einem längeren Aufenthalt in der Hauptstadt reiste er erneut nach Murzuq, um von dort aus über die Bornustraße, einer der wichtigsten Karawanen und Sklavenwege des neunzehnten Jahrhunderts, den Tschadsee und den Niger zu erreichen, wo er 1802 starb.
     

     
In den Jahren 1849 bis 1855 reiste der aus Hamburg stammende Heinrich Barth, zunächst gemeinsam mit dem Engländer Richardson und dem Deutschen Overweg von Libyen aus über den Fezzan und den Niger nach Westafrika und brachte ein umfassendes Bild dieser Länder mit nach Europa, welches als fünfbändiges Werk erschien und Barth als Universalgelehrten auszeichnete.
Als ersten echten Abenteurer darf man Gerhard Rohlfs aus Vegesack bei Bremen bezeichnen. Geboren 1831 bei Bad Godesberg brach er 1861 nach Marokko auf und durchquerte den nördlichen Kontinent bis Tripolis. Bei seiner zweiten Reise erreichte er die Oasen Audjila (Augila) und Siwa (Sioua) am Nordrand der Großen Sandsee. Seine größte Expedition, bei der er als erster Europäer die legendären Kufra Oasen erreichte, startete der zum Islam übergetretene Rohlfs im Jahre 1879.
  Krankheitshalber erreichte im Jahr 1862 der deutsche Arzt Gustav Nachtigal den afrikanischen Kontinent und sollte diesem, insbesondere der Libyschen Wüste und dem angrenzenden Niger und Sudan völlig verfallen.
Im Jahr 1932 startete der Ungar Ladislaus E. Almasy eine Expedition in die Libysche Wüste auf der Suche nach der verschollenen Oase Zarzura. Sechzig Jahre später sollte L.E. Almasy als Held des Romans „Der Englische Patient“ berühmt werden.
Mit drei Autos und einem Flugzeug, der „Motte“, brachen Almasy, Sir Robert Clayton East Clayton (er ist “Clifton” im Englischen Patient), der Squadron Leader H.G. Penderel von der Royal Air Force und der Topograph Patrick Clayton von Kairo in die Libysche Wüste auf.
     

     

Am vierhundert Meter hohen Westabsturz des Gilf Kebir Gebirges wurde das westlichste Camp der Expedition aufgeschlagen. Nach Almasys Angaben in seinem Buch „Unbekannte Sahara“ war dies bei 25°08´Länge und 23°32´Breite. Hier gingen letztlich die Vorräte an Wasser dem Ende zu. Almasy hatte zwei Möglichkeiten: Einerseits die Expedition abzubrechen und nach Kairo zurück zu fahren oder andererseits mit nur einem der Autos durch unbekanntes Gebiet zur Oase Kufra in Libyen zu fahren. Almasy wagte Letzteres. Nach abenteuerlicher Fahrt erreichte er Kufra, wo er von den italienischen Besatzern willkommen geheißen wurde. Er füllte seine Wasservorräte auf und nahm auch einige Flaschen Chianti als Geschenk der Italiener mit zurück ins Camp. Im Buch nannte er es dann auch „Chianticamp“

Der Ungar Andras Zboray hat eine einzige Leidenschaft. Möglicherweise ist er auch süchtig. Süchtig nach den Spuren der Vergangenheit in den weiten Ebenen und Gebirgsschluchten der großen Wüsten.

 

Akribisch bereitet er jede seiner Expeditionen in diese Gegenden vor.
Wir sind bei 23°30´nördlicher Breite. Wendekreis des Krebses. Ein Blick auf die Landkarte. Die Michellin Karten sind Kult für alle Afrikafahrer. Doch in diesen abgelegenen Landstrichen endet ihre Kompetenz. Hier sind russische Generalstabskarten gefragt. Mein Exemplar ist mittlerweile ein Gesamtkunstwerk. Zerfleddert, an den Rändern eingerissen, lässt sie auf intensiven Gebrauch schließen. Ein Kaffeetassenabdruck als brauner Ring inmitten der Gebirge und Dünenfelder ließ die Caldera eines unentdeckten Vulkanes entstehen. Ein einziges hastiges Frühstück kann somit ein Gebiet von über fünfzehn Kilometern im Durchmesser dramatisch verändern. Die Ränder des Gilf Kebir Gebirges sind rötlich-braun eingefärbt, Dünenfelder leuchten in sanftem Gelb. Die gesamte Karte ist von feinen, strichlierten, punktierten oder durchgehenden Linien überzogen.

     

     
Aber keine Orte, Flüsse oder Strassen, man spürt förmlich die Unentdecktheit, die Jungfräulichkeit dieser Landschaft.Neue Linien, die eigenen Routen, mit Faserstiften in verschiedenen Farben gezogen, kommen zum Netzwerk der vorhandenen Linien hinzu. Akribisch werden diese mit Kompass und GPS aus der Natur entnommen und mittels Geodreieck in die Zweidimensionalität der Karte gezwängt. Das mühevolle Vorwärtsarbeiten eines halben Tages reduziert sich hier auf eine zehn Zentimeter lange, rote Linie. Handschriftliche Ergänzungen mit
 
Kugelschreiber und Farbstiften machen aus der Karte schließlich ein Blatt, welches in seiner Buntheit einen Landstrich erst begreiflich macht:
Ende Dünenquerung, 16Uhr30
Camp III
Viele steinzeitliche Funde
Waypoint 23
2 Hügelgräber
Balg eines Storches
Achtung: Minenfeld aus WWII
Westlichster erreichter Punkt, 10Uhr15
Großer prähistorischer Steinkreis
     

     
Ich bin mit Andras Zboray, dem Ungarn, Hannah McKeand aus England und dem Ägypter Mahmoud Mohareb aus Alexandria im Toyota Landcruiser unterwegs. Am frühen Morgen
  haben wir das Camp im Wadi Sora beim Gilf Kebir Gebirge verlassen. Das Wadi Sora, das „Tal der Bilder“ ist berühmt für die Abbildungen in der „Höhle der Schwimmer“
     
     

     
Wir fahren hinaus in die Ebene, weg vom Gilf Kebir, auf der Suche nach einem einzelnen Felsen - Almasys Chianti Camp.
Immer wieder ragen aus der völlig ebenen Sandfläche einzelne Felstürme. Zwei Meter, zehn Meter, zwanzig Meter hoch. Jeden einzelnen suchen wir genau ab. Almasys angegebene Koordinaten beinhalten eine Ungenauigkeit von etwa zehn Kilometer. Dann sehen wir mit dem Fernglas, beinahe schon am Horizont, einen Zwillingsfelsen und halten darauf zu. Schon von Weitem sehen wir leere Benzinkanister. An der Würfelform erkennen wir die Vorkriegsmodelle. Bei den Felsen angekommen zunächst die Überraschung. Die Felsen sind übersät mit Inschriften, Namen und Datumsangaben. Alles ist voller Müll. Es ist ein Rastplatz für Schlepperkonvois, die aus dem Sudan auf dem Weg nach Libyen und weiter nach Italien hier Halt machen. Wie internationale Studien belegen, wird nicht einmal die Hälfte dieser Flüchtlinge Tripolis, Tunis, oder gar Europa lebend erreichen.

Wir suchen noch genauer und werden fündig.
 

In einer kleinen Felsspalte liegen zwei leere Chiantiflaschen, ein zerbrochenes, rubinrotes Trinkglas aus Bleikristall und eine Menge rostiger Konservendosen mit dem Prägedatum „1930“.
Heureka!
Hier also war Almasys legendäres Chianti Camp, hier hatte er vor mehr als siebzig Jahren seine verwegene Idee, nach Kufra zu fahren, geboren. Wir breiten den Schatz am Boden aus und fotografieren ihn stolz von allen Seiten. Samt seinen Entdeckern.

Andras, stehend mit Schatz.
Hannah, links neben dem Schatz sitzend.
Mahmoud, stehend hinter Schatz.
Georg, hockend neben Schatz.
Andras, rechts neben Schatz sitzend

     

     
Danach erfolgt die Vermessung und Dokumentation für die Geschichtsbücher. Entdecker sind in der Dokumentation ihrer Entdeckungen sehr penibel – selbst wenn es sich dabei nur um den Abfall eines Wüstencamps handelt.
Die genaue Lage wird mit GPS ermittelt, die alte Landepiste vermessen, alle Details fotografiert und die Daten in Karte und Tagebuch übertragen.
 
Wieder eine bunte Ansammlung loser Notizen auf der Karte. Wieder ein Mosaiksteinchen mehr auf dem großen Bild des Gilf Kebir, dem vielleicht letzten weißen Fleck auf der Weltkarte.
     

     
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