Steinzeitliche Höhlenmalerei
am Djebel Kissu, Nordsudan / 24.3.2004
 
Vor zehntausend Jahren…...oder waren es zwanzigtausend? Was sind schon ein paar tausend Jahre angesichts des riesigen Gebirges dessen steinerne Wände scheinbar der Tyrannei der Zeit trotzen.
Doch damals lebten noch Menschen hier. Es wurde geliebt, geboren, gejagt, gegessen, gekämpft und getötet, vielleicht auch an den Lagerfeuern gesungen. All dies können wir jedoch nur vermuten, erahnen. Eines aber wissen wir mit Gewissheit: Diese Menschen haben ihre Eindrücke, ihr Erlebtes
 
und die ihnen wichtig erscheinende Augenblicke ihres Lebens festgehalten, in die Felsen der Höhlen und Überhänge geritzt oder mit Erdfarben in unverwechselbarem Stil an das Höhlendach gemalt. Sie hinterließen uns Abertausende von Kunstwerken, heute nur mühsam über lange und anstrengende Wüstenpfade erreichbar, viele von ihnen noch versteckt hinter dem Schleier der Geschichte in einer der menschenleersten Region der Erde.
 

 
Rauch steigt leicht kräuselnd, tanzend aus dem Feuer in den blauen, klaren Himmel eines neuen Tages am Südrand des großen Gebirges. Die Luft riecht nach Erde und die leichte Brise die über die weite Ebene aus dem Süden bis an die Abhänge des Gebirges streicht mischt dazu die Gerüche der Savanne: den leicht säuerlichen von grünem saftigen Gras, den vom Schweiß und Staub riesiger Tierherden, den Geruch vom Blut der Raubtierbeute und den brackigen oder frischen Geruch vom Wasser in den Seen oder Flussläufen..
Am Feuer hockend die Frauen, Kleinkinder an ihren Brüsten, die Bewegungen noch steif von der Kälte der Nacht, Feuerholz nachschiebend. Sie saugen die Gerüche ein um mögliche Gefahren frühzeitig zu erkennen. Ein kleiner Flusslauf windet sich in Richtung der großen Ebene mit ihrem reichen Wildbestand und trennt das Lager von der großen Höhle. Schwimmend kann man das andere Ufer, die Höhle erreichen.
Eine Gruppe junger und kräftiger Männer bricht zur Jagd auf. Sie tragen Speere, Pfeile und Bögen.
Er blickt zur Höhlendecke und beginnt zu
 
malen, so wie er es jeden Tag macht. Kühe, Giraffen, Strauße und Jäger mit Pfeil und Bogen......
Spät am Nachmittag steigt er den Berg hoch, turnt von Granitstein zu Granitstein den Grat bergan bis er zufällig eine kleine Höhle findet. Er kriecht hinein, prüft mit Kennerblick die Oberfläche des Felsens und holt sein Werkzeug aus der geflochtenen Tasche: Fein zerstoßenen, eisenhaltigen Sandstein als rotbraunen Farbstoff, Öl von der Akazie als Bindemittel und ein frisches, kleines Aststück mit zerfasertem Ende als Pinsel.
Und er beginnt zu malen. Zuerst die Umrisse, dann füllt er die beiden Figuren noch aus und malt ihnen noch Pfeil und Bogen in die Hände. Die Köpfe mit einer Tiermaske versehen.
Er liegt bei seiner Arbeit am Rücken und kann mit ausgestreckten Armen die Decke der niedrigen Höhle erreichen. In seiner Konzentration bemerkt er auch nicht, dass seine Knochenahle aus der Tasche in den Sand fällt.
 

 
Im Dreiländereck von Ägypten, Libyen und dem Sudan. Im äußersten Norden des Sudan keuche ich den Grat am Djebel Kissu nach oben. Riesige, runde Granitblöcke scheinen hier von Riesenhand aufgetürmt. Weit unten sehe ich die anderen der Gruppe, einen Monolithen nach dem anderen untersuchend. Nach einer weiteren schweißtreibenden halben Stunde sehe ich zwanzig Meter vor mir eine kleine, niedrige Höhle.
 
Beim Eingang gehe ich in die Knie, krieche hinein und werfe einen Blick an die Decke. Da sehe ich sie vor mir. Seit vielen tausend Jahren schaut wieder ein menschliches Auge auf dieses Kunstwerk. Ein unbeschreibbares Gefühl kommt in mir hoch, ein berührender Augenblick. Entdeckerstolz.
 
 

 

Zwei Männerfiguren, jede vierzehn Zentimeter hoch, mit je einem Bogen bewaffnet, gemalt in gut erhaltenen, erdigen Rot. Auffällig die schnabelförmigen Köpfe der beiden. Waren das Jagdmasken zur besseren Tarnung im Gras der Savanne? Oder Tanzmasken für einen Kriegs- oder Jagdtanz?
Ich liege einfach nur da und betrachte sie. Die Aussagekraft dieser einfachen, archaischen Darstellung ist überwältigend.
Plötzlich der Schock! Mein Fotoapparat liegt im Auto. Weit unten, eine Stunde entfernt. Auch nach dreißig Reisejahren unterlaufen einem noch Fehler. Ich ziehe meine Jacke aus und beginne die Figuren in Originalgröße auf das hellgraue Innenfutter zu zeichnen. Kaum bin ich damit fertig höre ich Stimmen nach mir rufen. Pascale und Erika! Zwei rettende Engel mit Fotoapparaten. Dafür liebe ich sie für immer!

Nach dem fotografieren vermesse und dokumentiere ich die „Archers“, wie ich sie nenne und nehme die genaue Position mit dem GPS. Entdecker waren immer schon Pedanten was ihre Entdeckungen betrifft.
Plötzlich sehe ich eine kleine Spitze aus dem Sand ragen.

 
Ich greife danach und halte eine Knochenahle in der Hand. Wie die Malerei Zeuge und Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit.
Die Ahle wandert in die Tasche zu den Konzentraten der Reise. Deren Inhalt ein paar versteinerte Muscheln, zwei Pfeilspitzen aus Feuerstein sowie das Horn eines hier längst ausgestorbenen Wüstenschafes und einige, einfach nur schöne Kieselsteine.
Jede Reise endet mit so einer kleinen Tasche voller Konzentrate. Fundstücke, von den Mitreisenden oft nachsichtig belächelt, für mich aber immer sehr wertvoll. Weil dazu geeignet, sich an langen und kalten Winterabenden innerhalb von Sekunden aus der verschneiten Heimat in die Wüste zu beamen. Zwei Stunden später schaue ich durch die Staubfahne des Autos zurück zum immer kleiner werdenden Djebel Kissu, suche den Grat ab und vermeine die Lage der kleinen Höhle auszumachen. Dort oben, wo die archers zurückbleiben. Hoffentlich für weitere Tausende von Jahren. Einzig die Ahle habe ich zwischen den Fingern und ich reibe über das glatt polierte Knochenstück.
 

     
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